Geschichten aus den Kriegsjahren 1939-45

Kriegshistorische Stätten – Schauplätze der Geschichten – Was die Feldpost über den Krieg erzählt

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Kriegshistorische Stätten – Schauplätze der Geschichten – Was die Feldpost über den Krieg erzählt

Täydennysjoukkoja Kuhmon Saunajärvellä

In der Nachtwache in Kiekinkoski

Dies ist die Geschichte des Kriegswegs von Paavo Katilainen so wie er ihn mir, seinem Neffen, erzählt hat. Er wurde mit 16 Jahren an die Front geschickt; anfangs kämpfte er in Kuhmo im Winterkrieg, dann im Fortsetzungskrieg und anschließend im Lapplandkrieg.

Paavo wurde im Jahre 1923 in Lapua als mittlerer Sohn der Familie meiner Großeltern Niilo und Maria Katilainen geboren. Später zogen sie nach Lahti, wo sich der junge Mann an den Aktivitäten des örtlichen Schutzkorps beteiligte. Gleichzeitig verschärfte sich die Weltlage und die Sowjetunion forderte Gebietsabtretungen von Finnland. Als dies abgelehnt wurde, marschierten die sowjetischen Truppen am 30.11.1939 in Finnland ein. Der Winterkrieg war ausgebrochen.

„Mitten im Winterkrieg wurde ich vom Schutzkorps Lahti nach Kajaani zum Kurs für Sanitätsunteroffiziere geschickt, der vom örtlichen Schutzkorps organisiert war. Um die Monatswende Februar/März 1940 waren wir auf dem Kurs zu dritt, im Alter von 16 Jahren. Alle wurden über den Aufbruch an die Front informiert. Mehr wurde von uns nicht gefragt – auch für den Militäreid blieb keine Zeit.”, beschrieb Paavo die frühen Phasen seines Kriegswegs.

„Anfang März kamen wir in der Kaserne Jämäs in Kuhmo an. Dort bekamen wir die Ausrüstung. Eine Zeit lang waren wir auch in der Volksschule Lammasperä einquartiert und ich gewann das Langlaufrennen auf dem Eis neben der Schule. Dann haben wir erfahren, dass wir folgende Nacht an die Front ziehen. Wegen der Luftgefahr konnten bei Tageslicht keine Transporte stattfinden. Wir warfen unsere Sachen auf die Ladefläche des Lastwagens und durften während des Transports zu keinem Zeitpunkt aussteigen. Ich war sehr verwundert über den Befehl, denn die Frontlinie war noch weit weg. Als Grund wurde angegeben, wir würden Gefahr laufen, von unseren eigenen Leuten beschossen zu werden, weil wir die Parole nicht kannten – an den Flanken hielten sich damals viele einzelne Soldaten der besiegten sowjetischen Streitkräfte auf.

An der Frontlinie in Kiekinkoski kam ich entweder am 9. oder 10. März an – und wunderte mich gleich über die geringe Anzahl der Männer. „Da gab es nur eine kleine Gruppe von bärtigen und müden Männern.“

Ich erinnere mich daran, wie sie feststellten „die Männer sind wohl am Ende, sie schicken schon ihre Söhne hierher in den Krieg“.

Insbesondere ist die Zuteilung des Wachdienstes in Paavos Erinnerung geblieben. Der Wachdienst allein dauerte zwei Stunden, zu zweit vier Stunden. Paavo entschied sich für zwei Stunden Wache allein. Für die Nachtwache wurde er mit einem Basisgewehr der Bodentruppen, dem so genannten Pystykorva-Gewehr und einer Pistole bewaffnet, über deren Bedeutung er sich auch im Nachhinein wunderte.

In der Nachtwache hörte ich, wie das Rascheln der Skier auf der anderen Flussseite die ganze Zeit mehr wurde…

„Zwischen unseren Stellungen und denen des Feindes gab es einen Fluss. In der Nachtwache hörte ich, wie das Rascheln der Skier auf der anderen Flussseite die ganze Zeit mehr wurde… Ich hatte den Eindruck, dass dort immer mehr Truppen eintreffen würden. Den Standort der Wache zu verraten war absolut verboten – und das Feuer durfte man nur eröffnen, falls der Feind auf einen zukam. In jener Nacht dachte ich, dass ich nie wieder Angst vor irgendetwas oder irgendjemandem habe, falls ich dies hier überlebe! Und seitdem habe ich eben keine Angst. Das war eine Art von Lehrstunde für einen jungen Mann”, erinnerte sich Paavo zurück und setzte fort, „in der Früh erfuhr ich dann, dass einer von uns drei Jungen gefallen war, nachdem er von einer explodierenden Kugel am Kopf getroffen wurde. Soviel ich mich erinnern kann, waren wir drei Nächte an der Front, bevor die Meldung über den Waffenstillstand uns erreichte. Bald wurden wir von der Frontlinie zurück in die Kaserne von Jämäs verlegt. Dort haben wir unsere Waffen und Ausrüstung abgegeben, bevor es nach Hause ging. Mein Winterkrieg war zu Ende!“.

Doch musste man schon in einem guten Jahr wieder in den Krieg ziehen. Zu Beginn des Fortsetzungskriegs wurde Paavo bei Salla in Savukoski und in der später gegründeten separaten Partisanabwehrabteilung stationiert (Sonderabteilung SAU). Die Abteilung wurde noch im Lapplandkrieg eingesetzt, um die Deutschen aus Finnland zu vertreiben. Auch das überlebte Paavo und kam im November 1944 aus Ivalo nach Hause.

Nach dem Krieg arbeitete Paavo als Polizist, zuerst in Ylivieska und später in Salla, Sodankylä und Karunki, wo er sich mit seiner Familie in den 1970er Jahren nach seiner Pensionierung bei der Kriminalpolizei Tornio niederließ.

Zur Jahrtausendwende erzählte mir Paavo von seinem Winterkrieg in Kuhmo und seinem Wunsch, noch einmal diese Orte zu besuchen. Da ich mich für die Kriegshistorie interessiere, blieben mir seine Worte im Gedächtnis. Im Mittsommer 2005 reisten wir zusammen nach Kuhmo und Kuusamo.

Als wir im Ortszentrum Kuusamo ankamen, setzten wir die Fahrt in Richtung Kiekinkoski fort, fuhren aber aus Versehen zuerst vorbei. Als wir umkehrten, trafen wir einen Einheimischen, der uns, nachdem er unser Anliegen erfuhr, begleitete, um uns die Orte auf der finnischen Seite zu zeigen. Wir fanden die Gräben an den Ufern von Kiekinkoski, in denen sich die Zelte und Bunker damals befanden.  „Ich hätte nie in meinem Leben geglaubt, dass ich an diesem Ort jemals noch sein werde“, sagte Paavo leise mit feuchten Augen.

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Die Geschichte beruht auf den von Seppo Katilainen, dem Neffen von Paavo Katilainen, aufgezeichneten Gesprächen sowie Archiven.